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BVGE 2024 VII/3

BVGE 2024 VII/3

Bundesverwaltungsgericht · 2024-02-21 · Français CH

Nationales Visum

Erwägungen (2 Absätze)

E. 1 Im nationalen humanitären Visumverfahren muss die gesuchstellende Person ihre Gefährdungssituation nachweisen (E. 5.2.4-5.2.5).

E. 2 Sussistono esigenze accresciute in merito al grado della prova (prova piena). Una situazione di pericolo è considerata comprovata quando l'autorità ne è convinta sulla base di criteri oggettivi e non sussistono più seri dubbi in merito. Se ciò è impossibile o non può essere ragionevolmente richiesto, è sufficiente la prova della verosimiglianza preponderante (consid. 5.4, 5.4.1-5.4.3). Am 28. Oktober 2021 beantragten die afghanischen Staatsangehörigen A. und seine Ehefrau für sich und ihre fünf minderjährigen Kinder bei der Schweizerischen Botschaft in Teheran die Ausstellung humanitärer Visa. Mit Entscheid vom 13. Dezember 2021 lehnte die Schweizerische Botschaft im Namen des Staatssekretariats für Migration (SEM) ihre Gesuche ab. Am 2. Februar 2022 wies das SEM die dagegen erhobene Einsprache ab. Gegen diese Verfügung erhoben die gesuchstellenden Personen am 7. März 2022 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Das Bundesverwaltungsgericht weist die Beschwerde ab. Aus den Erwägungen: 5.2 5.2.1 Im nationalen humanitären Visumverfahren ist der rechtserhebliche Sachverhalt von Amtes wegen sowie unter Zugrundelegen eines verhältnismässigen Aufwands richtig und vollständig abzuklären (vgl. Art. 12 VwVG; BGE 143 II 425 E. 5.1; 140 I 285 E. 6.3.1; BVGE 2022 VII/2 E. 9.6; 2019 I/6 E. 5.1). Relativiert wird der Untersuchungsgrundsatz durch die Mitwirkungspflicht der gesuchstellenden Person (Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG; Art. 90 AIG). Diese erstreckt sich insbesondere auf Tatsachen, welche die gesuchstellende Person besser kennt als die Visabehörden und welche diese ohne Mitwirkung gar nicht oder nicht mit vernünftigem Aufwand erheben können (BGE 143 II 425 E. 5.1; 138 II 465 E. 8.6.4; 132 II 113 E. 3.2). 5.2.2 Die gesuchstellende Person trifft im nationalen humanitären Visumverfahren somit die Last, sämtliche ihr zur Verfügung stehenden begünstigenden oder belastenden Beweismittel beizubringen und offenzulegen. Zudem hat sie günstige Tatsachen zu behaupten. Die Visabehörden sind insoweit nicht verpflichtet, den Sachverhalt in jede erdenkliche Richtung abzuklären (vgl. Art. 90 Bst. a AIG; BGE 140 I 285 E. 6.3.1; 128 III 411 E. 3.2.1; BVGE 2022 VII/2 E. 9.6; Wiederkehr/Meyer/Böhme, VwVG Kommentar, 2022, Art. 13 N. 3 ff.). 5.2.3 Dies gilt umso mehr, als die Verfahrensabläufe im nationalen humanitären Visumverfahren im Vergleich zum seit 2012 aufgehobenen Asylverfahren bei Gesuchen aus dem Ausland (sog. " Botschaftsasyl ") einfacher sind (vgl. Urteil des BVGer E—1750/2015 vom 28. Oktober 2015 E. 4.1 m.H.). Eine asylrechtliche Befragung hat im Rahmen des ausländerrechtlichen Visumverfahrens nicht zu erfolgen (vgl. BVGE 2015/5 E. 4.1.2; Urteil des BVGer D—68/2015 vom 24. März 2015 E. 5.1; Botschaft vom 26. Mai 2010 zur Änderung des Asylgesetzes, BBl 2010 4455, 4490 [nachfolgend: Botschaft Asylgesetz]). Daher kann allein aus der Erteilung eines humanitären Visums an sich nicht schon auf das Vorliegen relevanter Asylgründe geschlossen werden (vgl. Urteile des BVGer D—295/2021 vom 16. März 2022 E. 6.1; F—851/2019 vom 20. April 2020 E. 5.8). Gleichwohl bleibt das persönliche Erscheinen - vorbehalten bleibt eine Dispensation aufgrund ausserordentlicher Umstände - bei der zuständigen Auslandsvertretung aber zwingend (vgl. Art. 23 Abs. 3 der Verordnung vom 15. August 2018 über die Einreise und die Visumerteilung [VEV, SR 142.204]). 5.2.4 Entsprechend der visarechtlichen Beleg- und Begründungspflicht (zur Beweisführungslast im Schengener Visumverfahren allgemein: BVGE 2014/1 E. 4.3 f.; Art. 12 Abs. 1 VEV i.V.m. Art. 14 Abs. 1 und Art. 32 Abs. 1 Bst. a/ii der Verordnung [EG] Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft [Visakodex], ABl. L 243/1 vom 15.09.2009; Urteil des EuGH vom 19. Dezember 2013 C—84/12 Rahmanian Koushkaki gegen Bundesrepublik Deutschland, Rn. 71; Urteil des BVGer F—5542/2022 vom 17. März 2023 E. 6.1) obliegt es auch im nationalen humanitären Visumverfahren der gesuchstellenden Person, ihre Gefährdungssituation nachzuweisen (vgl. Urteile des BVGer F—2107/2022 vom 3. Juli 2023 E. 3.3; F—3837/2021 vom 21. Juli 2022 E. 3.3; Weisung des SEM betreffend Humanitäres Visum gemäss Art. 4 Abs. 2 VEV vom 6. September 2018 [Stand 16. Januar 2023], S. 3, < www.sem.admin.ch/sem/de/home/ publiservice/weisungen-kreisschreiben/auslaenderbereich/einreise_in_die _schweiz.html > [nachfolgend: Weisung SEM]). Die vormals unter dem Instrument der räumlich beschränkten Schengen-Visa bestehende Praxis ist demnach weiterzuführen (vgl. BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.1). 5.2.5 Eine unterbliebene Mitwirkung kann nach angemessener Aufklärung über deren Inhalt und Tragweite der gesuchstellenden Person im Rahmen der (freien) Beweiswürdigung zum Nachteil gereichen. Bloss behauptete Tatsachen können als nicht bewiesen betrachtet werden. Wo es vordringlich oder ausschliesslich an der gesuchstellenden Person liegt, die ihr zumutbaren Unterlagen und Informationen zu liefern, darf die zuständige Visabehörde ohne weitere Sachverhaltsermittlungen auf die bestehende Aktenlage abstellen (vgl. Art. 19 VwVG i.V.m. Art. 40 BZP [SR 273]; BGE 140 I 285 E. 6.3.1; 132 II 113 E. 3.2; BVGE 2015/1 E. 4.2; Krauskopf/Wyssling, in: Praxiskommentar VwVG, 3. Aufl. 2023, Art. 13 N. 92 f.; Roman Lehner, Gemeinsame Visapolitik, in: Europäischer Freizügigkeitsraum - Unionsbürgerschaft und Migrationsrecht, 2021, Par. 28 Rz. 22; Christian Meyer, Die Mitwirkungsmaxime im Verwaltungsverfahren des Bundes, 2019, Rz. 759 ff.; Wiederkehr/ Meyer/Böhme, a.a.O., Art. 13 N. 39 und N. 43 f.). 5.3 Unbesehen der Pflicht der gesuchstellenden Person, an der Sachverhaltsfeststellung mitzuwirken, liegen Substanziierung und Nachweis der Risikosituation schon deshalb in ihrem Interesse, weil sie andernfalls aufgrund der allgemeinen Beweislastregel die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen hat (vgl. Art. 8 ZGB; BVGE 2022 VII/2 E 9.6; Auer/Binder, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2. Aufl. 2019, Art. 13 N. 19; Krauskopf/Wyssling, a.a.O., Art. 13 N. 10). 5.4 Des Weiteren bestehen im nationalen humanitären Visumverfahren nach Art. 4 Abs. 2 VEV i.V.m. Art. 5 Abs. 3 AIG im Vergleich zum Asylverfahren erhöhte Anforderungen an das Beweismass (vgl. statt vieler: Urteile des BVGer F—4480/2019 vom 17. April 2021 E. 3.4; E—5105/2014 vom 13. Oktober 2014 E. 3.4; D—367/2013 vom 12. Mai 2014 E. 4.4). 5.4.1 Eine Glaubhaftmachung reicht - im Gegensatz zum Asylverfahren (vgl. Art. 7 AsylG [SR 142.31]) - nicht aus. Beweismässig genügt es also nicht, wenn die gesuchstellende Person ihre Gefährdung substanziiert, in sich schlüssig und plausibel vorträgt, sodass sie mit überwiegender Wahrscheinlichkeit gegeben scheint (vgl. Art. 7 Abs. 2 AsylG; BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1). Vielmehr ist der volle Beweis zu erbringen. Nicht von der Hand zu weisen ist zwar, dass sich gesuchstellende Personen in ihren Heimat- oder Herkunftsstaaten mit denselben Schwierigkeiten bei der Beweisbeschaffung (d.h. nicht leicht beweisbare Gefährdungssituation im Ausland; vgl. dazu Fanny Matthey, Code annoté de droit des migrations, Volume IV: Loi sur l'asile [LAsi], 2015, Art. 7 N. 2) konfrontiert sehen können wie Personen im Asylverfahren. Trotz Berührungspunkten mit asylrechtlichen Fragestellungen hat sich das humanitäre Visumverfahren jedoch an den prozessualen und beweisrechtlichen Vorgaben des Ausländerrechts auszurichten (vgl. BVGE 2015/5 E. 2; Urteil D—295/2021 E. 6.1). Dies ist nicht zuletzt der gesetzgeberischen Intention geschuldet, per 29. September 2012 die Möglichkeit der Stellung eines Asylgesuches im Ausland (sog. " Botschaftsasyl ") sowie die damit verbundene Einreisebewilligung abzuschaffen und zum Schutze ernsthaft und unmittelbar gefährdeter Personen stattdessen auf das ersatzweise geschaffene Instrument des humanitären Visums zurückzugreifen (vgl. Botschaft Asylgesetz, BBl 2010 4455, 4468 und 4490 f.; ausführlich dazu Lea Fritsche, Das Humanitäre Visum, Eine gleichwertige Alternative zum Botschaftsasylverfahren?, Jusletter 17. April 2023 S. 2 ff.). 5.4.2 Praxisgemäss muss die Gefährdung der betroffenen Person an Leib und Leben im Sinne von Art. 4 Abs. 2 VEV offensichtlich sein (vgl. [statt vieler] Urteile des BVGer F—3410/2022 vom 3. November 2023 E. 3.3; F—415/2022 vom 18. Oktober 2023 E. 3.4; F—2503/2022 vom 26. Juni 2023 E. 4.3; Botschaft Asylgesetz, BBl 2010 4455, 4490; Weisung SEM, S. 2). In Berücksichtigung des durch die Mitwirkungspflicht relativierten Untersuchungsgrundsatzes (vgl. E. 5.2 hiervor) hat bezüglich der Gefährdungssituation respektive der Voraussetzungen für ein humanitäres Visum eine klare Sachlage vorzuliegen (siehe dazu etwa Urteil D—68/2015 E. 5.1 oder die Urteile des BVGer E—1654/2009 vom 23. März 2009; E—2891/2008 vom 8. Mai 2008 zum Vorliegen einer offensichtlichen Flüchtlingseigenschaft i.S.v. Art. 34 Abs. 3 Bst. b aAsylG [in der bis 31. Januar 2014 gültigen Fassung; AS 2013 4379]). Der Nachweis einer unmittelbaren, ernsthaften und konkreten Gefährdung gilt als erbracht, wenn die Behörde nach objektiven Gesichtspunkten davon überzeugt ist. Dabei genügt es, wenn am Vorliegen einer solchen ausnahmsweisen Notsituation keine ernsthaften Zweifel mehr bestehen oder allenfalls verbleibende Zweifel als leicht erscheinen (vgl. BGE 148 III 134 E. 3.4.1; 140 III 610 E. 4.1; 130 III 321 E. 3.2; Félix/Sieber/Chatton, Le " nouveau " visa humanitaire national: précision de cette notion à la lumière de la jurisprudence du Tribunal administratif fédéral, ASYL 3/2019 S. 12; Krauskopf/Wyssling, a.a.O., Art. 12 N. 197; Isabelle Berger-Steiner, Beweismass: Lehren des Privatrechts für das öffentliche Recht, Jahrbuch für Migrationsrecht 2008/2009, 2009, S. 112 ff.). Das Regelbeweismass für nationale humanitäre Visa korreliert damit grundsätzlich mit demjenigen für Schengen-Visa, wonach keine begründeten Zweifel an der Echtheit der vorgelegten Belege oder am Wahrheitsgehalt ihres Inhalts und den Aussagen der gesuchstellenden Person bestehen dürfen (vgl. Art. 32 Abs. 1 Bst. b Visakodex; Art. 5 Abs. 2 AIG; BVGE 2014/1 E. 4.4; Urteil Rahmanian Koushkaki gegen Bundesrepublik Deutschland, Rn. 73, sowie die Schlussanträge in dieser Rechtssache, Rn. 33; Rolf Stahmann, in: NomosKommentar, Ausländerrecht, 3. Aufl. 2023, § 6 Rz. 36). 5.4.3 Wo im Sinne einer Beweisnot ein strikter Beweis nach der Natur der Sache nicht möglich oder nicht zumutbar ist, insbesondere wenn die behauptete Tatsache oder der Gefährdungsgrund nur mittelbar durch Indizien bewiesen werden können, reicht das Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit aus (vgl. BGE 149 III 218 E. 2.2.3; 148 III 105 E. 3.3.1; 141 III 569 E. 2.2.1; 130 III 321 E. 3.2). Die Zweifel an der Richtigkeit des behaupteten Sachverhalts dürfen diesfalls nicht derart sein, dass andere Möglichkeiten vernünftigerweise massgeblich in Betracht fallen. Mit anderen Worten muss es sich um die wahrscheinlichste der in Betracht fallenden Sachverhaltsvarianten handeln (vgl. BGE 144 V 427 E. 3.2; 139 V 176 E. 5.3; 135 V 39 E. 6.1; Wiederkehr/Meyer/Böhme, a.a.O., Art. 12 N. 24). Denkbar ist eine derartige Beweiserleichterung infolge Beweisnot beispielsweise für die Behauptung eines illegalen Aufenthalts in einem Drittstaat oder einer unmittelbar bevorstehenden Rückschaffung in das Heimatland, was aber jeweils im konkret zu beurteilenden Einzelfall zu prüfen ist (vgl. Urteile des BVGer F—5064/2021 vom 23. Januar 2023 E. 6.2; F—985/2022 vom 1. Dezember 2022 E. 6.4.2).

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

2024 VII/3 Auszug aus dem Urteil der Abteilung VI

i. S. A. et al. gegen Staatssekretariat für Migration F—1077/2022 vom 21. Februar 2024 Nationales humanitäres Visumverfahren. Beweislast und Beweismass. Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG. Art. 5 Abs. 3, Art. 90, Art. 90 Bst. a AIG. Art. 4 Abs. 2 VEV.

1. Im nationalen humanitären Visumverfahren muss die gesuchstellende Person ihre Gefährdungssituation nachweisen (E. 5.2.4-5.2.5).

2. Es bestehen erhöhte Anforderungen an das Beweismass (Vollbeweis). Der Nachweis einer Gefährdungssituation gilt als erbracht, wenn die Behörde nach objektiven Gesichtspunkten davon überzeugt ist und keine ernsthaften Zweifel mehr daran bestehen. Ist dies nicht möglich oder nicht zumutbar, reicht das Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit aus (E. 5.4, 5.4.1-5.4.3). Procédure d'octroi du visa humanitaire national. Fardeau et degré de la preuve. Art. 13 al. 1 let. a PA. Art. 5 al. 3, art. 90, art. 90 let. a LEI. Art. 4 al. 2 OEV.

1. Dans la procédure tendant à l'octroi d'un visa humanitaire national, il incombe au requérant de démontrer le danger auquel il est exposé (consid. 5.2.4-5.2.5).

2. Les exigences en matière de degré de preuve sont accrues (preuve pleine). La mise en danger est considérée comme prouvée lorsque l'autorité en est convaincue sur la base de critères objectifs et qu'aucun doute sérieux ne subsiste. Si cela n'est pas possible ou ne peut pas être raisonnablement exigé, la vraisemblance prépondérante est suffisante (consid. 5.4, 5.4.1-5.4.3). Procedura di rilascio di un visto umanitario nazionale. Onere e grado della prova. Art. 13 cpv. 1 lett. a PA. Art. 5 cpv. 3, art. 90, art. 90 lett. a LStrI. Art. 4 cpv. 2 OEV.

1. Nella procedura tendente al rilascio di un visto nazionale umanitario, incombe alla persona richiedente dimostrare la situazione di pericolo in cui versa (consid. 5.2.4-5.2.5).

2. Sussistono esigenze accresciute in merito al grado della prova (prova piena). Una situazione di pericolo è considerata comprovata quando l'autorità ne è convinta sulla base di criteri oggettivi e non sussistono più seri dubbi in merito. Se ciò è impossibile o non può essere ragionevolmente richiesto, è sufficiente la prova della verosimiglianza preponderante (consid. 5.4, 5.4.1-5.4.3). Am 28. Oktober 2021 beantragten die afghanischen Staatsangehörigen A. und seine Ehefrau für sich und ihre fünf minderjährigen Kinder bei der Schweizerischen Botschaft in Teheran die Ausstellung humanitärer Visa. Mit Entscheid vom 13. Dezember 2021 lehnte die Schweizerische Botschaft im Namen des Staatssekretariats für Migration (SEM) ihre Gesuche ab. Am 2. Februar 2022 wies das SEM die dagegen erhobene Einsprache ab. Gegen diese Verfügung erhoben die gesuchstellenden Personen am 7. März 2022 Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Das Bundesverwaltungsgericht weist die Beschwerde ab. Aus den Erwägungen: 5.2 5.2.1 Im nationalen humanitären Visumverfahren ist der rechtserhebliche Sachverhalt von Amtes wegen sowie unter Zugrundelegen eines verhältnismässigen Aufwands richtig und vollständig abzuklären (vgl. Art. 12 VwVG; BGE 143 II 425 E. 5.1; 140 I 285 E. 6.3.1; BVGE 2022 VII/2 E. 9.6; 2019 I/6 E. 5.1). Relativiert wird der Untersuchungsgrundsatz durch die Mitwirkungspflicht der gesuchstellenden Person (Art. 13 Abs. 1 Bst. a VwVG; Art. 90 AIG). Diese erstreckt sich insbesondere auf Tatsachen, welche die gesuchstellende Person besser kennt als die Visabehörden und welche diese ohne Mitwirkung gar nicht oder nicht mit vernünftigem Aufwand erheben können (BGE 143 II 425 E. 5.1; 138 II 465 E. 8.6.4; 132 II 113 E. 3.2). 5.2.2 Die gesuchstellende Person trifft im nationalen humanitären Visumverfahren somit die Last, sämtliche ihr zur Verfügung stehenden begünstigenden oder belastenden Beweismittel beizubringen und offenzulegen. Zudem hat sie günstige Tatsachen zu behaupten. Die Visabehörden sind insoweit nicht verpflichtet, den Sachverhalt in jede erdenkliche Richtung abzuklären (vgl. Art. 90 Bst. a AIG; BGE 140 I 285 E. 6.3.1; 128 III 411 E. 3.2.1; BVGE 2022 VII/2 E. 9.6; Wiederkehr/Meyer/Böhme, VwVG Kommentar, 2022, Art. 13 N. 3 ff.). 5.2.3 Dies gilt umso mehr, als die Verfahrensabläufe im nationalen humanitären Visumverfahren im Vergleich zum seit 2012 aufgehobenen Asylverfahren bei Gesuchen aus dem Ausland (sog. " Botschaftsasyl ") einfacher sind (vgl. Urteil des BVGer E—1750/2015 vom 28. Oktober 2015 E. 4.1 m.H.). Eine asylrechtliche Befragung hat im Rahmen des ausländerrechtlichen Visumverfahrens nicht zu erfolgen (vgl. BVGE 2015/5 E. 4.1.2; Urteil des BVGer D—68/2015 vom 24. März 2015 E. 5.1; Botschaft vom 26. Mai 2010 zur Änderung des Asylgesetzes, BBl 2010 4455, 4490 [nachfolgend: Botschaft Asylgesetz]). Daher kann allein aus der Erteilung eines humanitären Visums an sich nicht schon auf das Vorliegen relevanter Asylgründe geschlossen werden (vgl. Urteile des BVGer D—295/2021 vom 16. März 2022 E. 6.1; F—851/2019 vom 20. April 2020 E. 5.8). Gleichwohl bleibt das persönliche Erscheinen - vorbehalten bleibt eine Dispensation aufgrund ausserordentlicher Umstände - bei der zuständigen Auslandsvertretung aber zwingend (vgl. Art. 23 Abs. 3 der Verordnung vom 15. August 2018 über die Einreise und die Visumerteilung [VEV, SR 142.204]). 5.2.4 Entsprechend der visarechtlichen Beleg- und Begründungspflicht (zur Beweisführungslast im Schengener Visumverfahren allgemein: BVGE 2014/1 E. 4.3 f.; Art. 12 Abs. 1 VEV i.V.m. Art. 14 Abs. 1 und Art. 32 Abs. 1 Bst. a/ii der Verordnung [EG] Nr. 810/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Juli 2009 über einen Visakodex der Gemeinschaft [Visakodex], ABl. L 243/1 vom 15.09.2009; Urteil des EuGH vom 19. Dezember 2013 C—84/12 Rahmanian Koushkaki gegen Bundesrepublik Deutschland, Rn. 71; Urteil des BVGer F—5542/2022 vom 17. März 2023 E. 6.1) obliegt es auch im nationalen humanitären Visumverfahren der gesuchstellenden Person, ihre Gefährdungssituation nachzuweisen (vgl. Urteile des BVGer F—2107/2022 vom 3. Juli 2023 E. 3.3; F—3837/2021 vom 21. Juli 2022 E. 3.3; Weisung des SEM betreffend Humanitäres Visum gemäss Art. 4 Abs. 2 VEV vom 6. September 2018 [Stand 16. Januar 2023], S. 3, [nachfolgend: Weisung SEM]). Die vormals unter dem Instrument der räumlich beschränkten Schengen-Visa bestehende Praxis ist demnach weiterzuführen (vgl. BVGE 2018 VII/5 E. 3.6.1). 5.2.5 Eine unterbliebene Mitwirkung kann nach angemessener Aufklärung über deren Inhalt und Tragweite der gesuchstellenden Person im Rahmen der (freien) Beweiswürdigung zum Nachteil gereichen. Bloss behauptete Tatsachen können als nicht bewiesen betrachtet werden. Wo es vordringlich oder ausschliesslich an der gesuchstellenden Person liegt, die ihr zumutbaren Unterlagen und Informationen zu liefern, darf die zuständige Visabehörde ohne weitere Sachverhaltsermittlungen auf die bestehende Aktenlage abstellen (vgl. Art. 19 VwVG i.V.m. Art. 40 BZP [SR 273]; BGE 140 I 285 E. 6.3.1; 132 II 113 E. 3.2; BVGE 2015/1 E. 4.2; Krauskopf/Wyssling, in: Praxiskommentar VwVG, 3. Aufl. 2023, Art. 13 N. 92 f.; Roman Lehner, Gemeinsame Visapolitik, in: Europäischer Freizügigkeitsraum - Unionsbürgerschaft und Migrationsrecht, 2021, Par. 28 Rz. 22; Christian Meyer, Die Mitwirkungsmaxime im Verwaltungsverfahren des Bundes, 2019, Rz. 759 ff.; Wiederkehr/ Meyer/Böhme, a.a.O., Art. 13 N. 39 und N. 43 f.). 5.3 Unbesehen der Pflicht der gesuchstellenden Person, an der Sachverhaltsfeststellung mitzuwirken, liegen Substanziierung und Nachweis der Risikosituation schon deshalb in ihrem Interesse, weil sie andernfalls aufgrund der allgemeinen Beweislastregel die Folgen der Beweislosigkeit zu tragen hat (vgl. Art. 8 ZGB; BVGE 2022 VII/2 E 9.6; Auer/Binder, in: Kommentar zum Bundesgesetz über das Verwaltungsverfahren, 2. Aufl. 2019, Art. 13 N. 19; Krauskopf/Wyssling, a.a.O., Art. 13 N. 10). 5.4 Des Weiteren bestehen im nationalen humanitären Visumverfahren nach Art. 4 Abs. 2 VEV i.V.m. Art. 5 Abs. 3 AIG im Vergleich zum Asylverfahren erhöhte Anforderungen an das Beweismass (vgl. statt vieler: Urteile des BVGer F—4480/2019 vom 17. April 2021 E. 3.4; E—5105/2014 vom 13. Oktober 2014 E. 3.4; D—367/2013 vom 12. Mai 2014 E. 4.4). 5.4.1 Eine Glaubhaftmachung reicht - im Gegensatz zum Asylverfahren (vgl. Art. 7 AsylG [SR 142.31]) - nicht aus. Beweismässig genügt es also nicht, wenn die gesuchstellende Person ihre Gefährdung substanziiert, in sich schlüssig und plausibel vorträgt, sodass sie mit überwiegender Wahrscheinlichkeit gegeben scheint (vgl. Art. 7 Abs. 2 AsylG; BVGE 2015/3 E. 6.5.1; 2013/11 E. 5.1). Vielmehr ist der volle Beweis zu erbringen. Nicht von der Hand zu weisen ist zwar, dass sich gesuchstellende Personen in ihren Heimat- oder Herkunftsstaaten mit denselben Schwierigkeiten bei der Beweisbeschaffung (d.h. nicht leicht beweisbare Gefährdungssituation im Ausland; vgl. dazu Fanny Matthey, Code annoté de droit des migrations, Volume IV: Loi sur l'asile [LAsi], 2015, Art. 7 N. 2) konfrontiert sehen können wie Personen im Asylverfahren. Trotz Berührungspunkten mit asylrechtlichen Fragestellungen hat sich das humanitäre Visumverfahren jedoch an den prozessualen und beweisrechtlichen Vorgaben des Ausländerrechts auszurichten (vgl. BVGE 2015/5 E. 2; Urteil D—295/2021 E. 6.1). Dies ist nicht zuletzt der gesetzgeberischen Intention geschuldet, per 29. September 2012 die Möglichkeit der Stellung eines Asylgesuches im Ausland (sog. " Botschaftsasyl ") sowie die damit verbundene Einreisebewilligung abzuschaffen und zum Schutze ernsthaft und unmittelbar gefährdeter Personen stattdessen auf das ersatzweise geschaffene Instrument des humanitären Visums zurückzugreifen (vgl. Botschaft Asylgesetz, BBl 2010 4455, 4468 und 4490 f.; ausführlich dazu Lea Fritsche, Das Humanitäre Visum, Eine gleichwertige Alternative zum Botschaftsasylverfahren?, Jusletter 17. April 2023 S. 2 ff.). 5.4.2 Praxisgemäss muss die Gefährdung der betroffenen Person an Leib und Leben im Sinne von Art. 4 Abs. 2 VEV offensichtlich sein (vgl. [statt vieler] Urteile des BVGer F—3410/2022 vom 3. November 2023 E. 3.3; F—415/2022 vom 18. Oktober 2023 E. 3.4; F—2503/2022 vom 26. Juni 2023 E. 4.3; Botschaft Asylgesetz, BBl 2010 4455, 4490; Weisung SEM, S. 2). In Berücksichtigung des durch die Mitwirkungspflicht relativierten Untersuchungsgrundsatzes (vgl. E. 5.2 hiervor) hat bezüglich der Gefährdungssituation respektive der Voraussetzungen für ein humanitäres Visum eine klare Sachlage vorzuliegen (siehe dazu etwa Urteil D—68/2015 E. 5.1 oder die Urteile des BVGer E—1654/2009 vom 23. März 2009; E—2891/2008 vom 8. Mai 2008 zum Vorliegen einer offensichtlichen Flüchtlingseigenschaft i.S.v. Art. 34 Abs. 3 Bst. b aAsylG [in der bis 31. Januar 2014 gültigen Fassung; AS 2013 4379]). Der Nachweis einer unmittelbaren, ernsthaften und konkreten Gefährdung gilt als erbracht, wenn die Behörde nach objektiven Gesichtspunkten davon überzeugt ist. Dabei genügt es, wenn am Vorliegen einer solchen ausnahmsweisen Notsituation keine ernsthaften Zweifel mehr bestehen oder allenfalls verbleibende Zweifel als leicht erscheinen (vgl. BGE 148 III 134 E. 3.4.1; 140 III 610 E. 4.1; 130 III 321 E. 3.2; Félix/Sieber/Chatton, Le " nouveau " visa humanitaire national: précision de cette notion à la lumière de la jurisprudence du Tribunal administratif fédéral, ASYL 3/2019 S. 12; Krauskopf/Wyssling, a.a.O., Art. 12 N. 197; Isabelle Berger-Steiner, Beweismass: Lehren des Privatrechts für das öffentliche Recht, Jahrbuch für Migrationsrecht 2008/2009, 2009, S. 112 ff.). Das Regelbeweismass für nationale humanitäre Visa korreliert damit grundsätzlich mit demjenigen für Schengen-Visa, wonach keine begründeten Zweifel an der Echtheit der vorgelegten Belege oder am Wahrheitsgehalt ihres Inhalts und den Aussagen der gesuchstellenden Person bestehen dürfen (vgl. Art. 32 Abs. 1 Bst. b Visakodex; Art. 5 Abs. 2 AIG; BVGE 2014/1 E. 4.4; Urteil Rahmanian Koushkaki gegen Bundesrepublik Deutschland, Rn. 73, sowie die Schlussanträge in dieser Rechtssache, Rn. 33; Rolf Stahmann, in: NomosKommentar, Ausländerrecht, 3. Aufl. 2023, § 6 Rz. 36). 5.4.3 Wo im Sinne einer Beweisnot ein strikter Beweis nach der Natur der Sache nicht möglich oder nicht zumutbar ist, insbesondere wenn die behauptete Tatsache oder der Gefährdungsgrund nur mittelbar durch Indizien bewiesen werden können, reicht das Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit aus (vgl. BGE 149 III 218 E. 2.2.3; 148 III 105 E. 3.3.1; 141 III 569 E. 2.2.1; 130 III 321 E. 3.2). Die Zweifel an der Richtigkeit des behaupteten Sachverhalts dürfen diesfalls nicht derart sein, dass andere Möglichkeiten vernünftigerweise massgeblich in Betracht fallen. Mit anderen Worten muss es sich um die wahrscheinlichste der in Betracht fallenden Sachverhaltsvarianten handeln (vgl. BGE 144 V 427 E. 3.2; 139 V 176 E. 5.3; 135 V 39 E. 6.1; Wiederkehr/Meyer/Böhme, a.a.O., Art. 12 N. 24). Denkbar ist eine derartige Beweiserleichterung infolge Beweisnot beispielsweise für die Behauptung eines illegalen Aufenthalts in einem Drittstaat oder einer unmittelbar bevorstehenden Rückschaffung in das Heimatland, was aber jeweils im konkret zu beurteilenden Einzelfall zu prüfen ist (vgl. Urteile des BVGer F—5064/2021 vom 23. Januar 2023 E. 6.2; F—985/2022 vom 1. Dezember 2022 E. 6.4.2).